28/08/2013
  • <b>Walenstadt</b><br>Ansicht des Städtchens am Walensee von Osten. Kolorierte Aquatinta von   Franz Hegi  nach einer Zeichnung von  Johann Jakob Wetzel (Schweizerische Nationalbibliothek, Sammlung Gugelmann). Die Stadtsiedlung liegt auf der rechten Seite der noch unkorrigierten Seez, über die eine gedeckte Holzbrücke führt. Die Pfarrkirche St. Luzius und Florin steht ausserhalb der Stadtmauer. Eine Strasse verbindet den Ort mit dem Hafen Stad (rechts im Bild). Vom Walensee steigen rechts die Steilwände der Churfirsten, links die besiedelten Geländeterrassen von Quarten und des Kerenzerbergs auf. Über Letzterem erhebt sich das dreigipflige Mürtschenstockmassiv. Die Glarner Voralpen bilden den Horizont im Westen.

Walenstadt

Polit. Gem. SG, Region Sarganserland. Die am Ostende des Walensees und am Südhang der Churfirsten gelegene Gem. umfasst das hist. Städtchen W. sowie die Dörfer Walenstadtberg, Tscherlach und Berschis. 801-850 de Ripa Vualahastad, 1045 Vualastade, bis 1952 Wallenstadt, rätorom. Riva. 1850 1'868 Einw.; 1900 2'994; 1950 3'349; 2000; 4'532. Aus neolith. Zeit stammt ein Steinbeil (Dechsel), das am Kl. Alvier in Berschis gefunden wurde. Eine vorröm. Sperre auf dem Reischibe bei W. wird der rät. Urbevölkerung zugeschrieben. Eine röm. Fundstelle auf dem St. Georgenberg bei Berschis lässt auf ein röm. Kastell (Wachtturm) schliessen. Die Bedeutung dieser an einer wichtigen Durchgangsroute von Zürich nach Chur und über die Alpenpässe gelegenen Siedlung zeigt sich daran, dass W. früh als Warenumschlagplatz vom Wasser auf das Land und als Sustort belegt ist. So berichtet das churrät. Reichsguturbar um 840 von Handel und Fischfang in W.

Zwischen 1240 und 1280 erhielt W. das Stadt- und Marktrecht, 1282 wird erstmals ein Schultheiss erwähnt. 1303 gehörte die niedere Gerichtsbarkeit der habsburg. Herrschaft Windegg. Das Hochgericht stand während der Märkte im Frühjahr und Herbst (jeweils 14 Tage) den Gf. von Werdenberg-Sargans, in der übrigen Zeit den Gf. von Habsburg zu, die im 14. Jh. die Ausburgergemeinden Oberterzen, Mols und Walenstadtberg W. zuteilten. Durch den eidg. Schiedsspruch von 1462 wurde der Gerichtsbezirk W. von der habsburg. Herrschaft Windegg gelöst und mit den Herrschaften Freudenberg und Nidberg als Vogtei unter die Herrschaft der sieben alten Orte (ohne Bern) gestellt. Mit der 1483 erworbenen Grafschaft Sargans wurde das ganze Gebiet als Landvogtei Sargans bis 1798 von den Eidgenossen verwaltet. Der Stadtrat von W. behielt jedoch das Niedergericht, während der eidg. Landvogt in Sargans die hohe Gerichtsbarkeit ausübte. 1566 raffte ein "grosses Sterben" in drei Monaten 650 Personen dahin, rund zwei Drittel der Einwohner W.s. Der Stadtbrand von 1799 zerstörte rund ein Viertel von W. und kostete 35 Feuerwehrmännern das Leben. In der Helvetik gehörte W. mit dem Sarganserland zum Kt. Linth. Bei der Gründung des Kt. St. Gallen 1803 übernahm Quarten von W. die Siedlungen Oberterzen und Mols. Dafür erhielt W. von Flums die Siedlungen Tscherlach und Berschis. Die neue polit. Gemeinde W. bildete bis 2002 einen Teil des Bez. Sargans. Seither gehört sie zum Wahlkreis Sarganserland.

Die Kirche in W. ist erstmals im churrät. Reichsguturbar bezeugt. Ausgrabungen belegen indes ein älteres Gotteshaus, das aus der merowing. Zeit stammen dürfte. Kg. Heinrich III. bestätigte 1045 die Kirche als Besitz des Stifts Schänis, doch vermutlich kam sie noch im 11. Jh. an das Kloster Pfäfers. Ein Leutpriester erscheint urkundlich um 1243. Die neue Pfarrkirche St. Luzius und Florin wurde 1306 eingeweiht. Deren Schiff und der Turm aus dem 11. Jh. sind erhalten geblieben. Das Patronatsrecht gehörte dem Kloster Pfäfers. Trotz der Förderung durch Pfarrer Balthasar Vögeli und seinen Bruder Schultheiss Kaspar Vögeli 1521-26 setzte sich die Reformation in W. nicht durch. 1523 lösten sich Quarten mit Murg und Quinten von der Mutterkirche W. ab und wurden selbstständig. 1568 wurde Oberterzen der Pfarrei Quarten zugeteilt. 1788 löste sich Mols von der Pfarrei W. Als die Aufhebung des Klosters Pfäfers (1838) bevorstand, wurde 1837 die Kirchgemeinde W. gegründet. Infolge der Zuwanderung entstand 1866 die ref. Kirchgemeinde und 1903-05 wurde die ref. Kirche gebaut.

Wegen der schlechten Abflussverhältnisse des Walensees kam es ab Mitte des 18. Jh. zu häufigen Überschwemmungen, die zu einer langsamen Versumpfung W.s und seines Umlands und zu einer Häufung von Krankheiten (Malaria) führten. Erst die Linthkorrektion 1807-16 senkte den Wasserspiegel um knapp 5 m und stoppte diese Entwicklung. Nachdem 1837 auf dem Walensee die ersten Dampfschiffe ihren Betrieb aufgenommen hatten, löste die Eröffnung der Fahrstrasse W.-Kerenzerberg-Mollis 1848 einen starken Rückgang des Schiffsverkehrs aus. Dieser brach mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Sargans-Weesen-Rapperswil (SG) 1859 vollends ein. Die Folge war eine grosse Arbeitslosigkeit. 1844-48 unterstützte die Ortsgemeinde W. 36 Fam. (ca. 165 Personen) bei ihrer Ausreise nach Nordamerika. 1858 trat W. der Seezkorporation zur Entwässerung des Seeztals (ab 1855) bei. Die Industrialisierung setzte in W. erst nach dem Bau des Seezkanals ein. Sie begann 1862 mit der Buntweberei W., die 1991 den Betrieb einstellte, und einer Kalkfabrik, der Vorgängerin der Zementfabrik CKU Unterterzen, die ebenfalls einging. Ebenfalls 1862 erfolgte die Einrichtung des kant. Schiess- und Exerzierplatzes, der 1875 zur Eidg. Schiessschule W. erweitert wurde. 1914 erwarb die Eidgenossenschaft den Waffenplatz. Dieser bildet für W. einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. 1877 entstand die Wasserkorporation W., 1891 das kant. Spital W. und 1895 das Elektrizitätswerk Töbeli. 1909 öffnete das Lungensanatorium Knoblisbühl in Walenstadtberg seine Tore. Es wurde 1976 in die St. Gall. Rehabilitationsklinik Walenstadtberg für Atemwegerkrankungen und multiple Sklerose, 2011 in die Stiftung Kliniken Valens und Walenstadtberg umgewandelt. In den 1960er Jahren erlebte W. einen wirtschaftl. Aufschwung, der mit einer starken Bautätigkeit einherging. Neben traditionellem Weinbau, Landwirtschaft, Gewerbe, Kleinindustrie und dem Infanterie-Ausbildungszentrum erlangten zu Beginn des 21. Jh. der Dienstleistungsbereich und v.a. der Tourismus mit der Walenseeschifffahrt, modernen Sport- und Freizeitanlagen sowie dem Campingplatz am See eine wachsende Bedeutung für die Gemeinde. W. besitzt eine gut erhaltene Altstadt mit Ortsmuseum und pflegt ein lebendiges Brauchtum (Maskenschnitzer, Walenstadter Fasnacht).


Literatur
Kdm SG 1, 1951, 380-410
– P. Gubser, St. Luzius und Florin, W., 1987
– P. Gubser, Es begann im Drachenloch, 1998
– P. Gubser, Walenstadter Chronik, 2007

Autorin/Autor: Paul Gubser